Dienstag, 12. November 2013

Das Lichterfestival


Es fühlte sich an wie Weihnachten aus meiner Kindheit. Tagelang war einziges Gesprächsthema das große Fest und mit Freude erwartete ich, dass es endlich soweit sein würde.
Ich hatte Deepavali (Deepa-Kerze, also Lichterfestival) schon letztes Jahr miterlebt, aber am gleichen Tag hatten wir unsere erste DanceShow, weshalb ich das Fest nur vom Fenster eines Busses aus bewundern konnte. Diesmal sollte es eine ganz andere Erfahrung werden. Ranju, Harishs Schwester, und Divya, mit denen ich im Moment hier in Bangalore wohne, steckten mich mit ihrer Vorfreude an. Deepavali ist eines der größten Hindu-Festivals und so fühlte es sich für mich auch an. Am Abend vorher ließ ich mir erklären, wie sie zu Hause mit ihren Familien das Fest feiern würden.
Ganz früh morgens wird der ganze Körper mit Öl eingerieben und danach wird ein heißes Bad genommen. Danach werden alle gesegnet mit Kerzen und Kumkum und dazu gibt es Gulab Jammun, eine Süßigkeit. Zu Deepavali tragen alle neue Kleider und am Abend wird Feuerwerk gezündet. Sobald es dunkel wird, werden außerdem um das ganze Haus herum Kerzen aufgestellt, was dem Fest seinen Namen gibt.
Ranju ist keine Frühaufsteherin und Gulab Jammun mag sie auch nicht. Also wandelten wir das ein bisschen ab. Nach einer kurzen Dusche machten wir uns beide fertig, nicht mit neuen, aber den schönsten Kleidern, die wir hatten. Zuerst machten wir uns auf dem Weg ins Krankenhaus. Die alte Vermieterin von Ranju hatte ein Kind bekommen, das wir nun bestaunen und zu dem wir die Eltern beglückwünschen wollten. Auf dem Rückweg kauften wir Blumen für Gott und dekorierten den Schrein zu Hause entsprechend. Anlässlich des Feiertages schmückten auch wir uns mit Blumen. Ich liebe es, wenn indische Frauen Blumen im schwarzen gestriegeltem Haar haben. Dieser Duft von Jasmin wird mich immer an die Schönheit der Inderinnen erinnern.
Außerdem beschlossen wir zur Feier des Tages Payasa zu machen. Manche von Euch haben mich vielleicht schon von Payasa schwärmen hören, aber ich werde nie müde mit Begeisterung von dieser Köstlichkeit zu sprechen. Payasa ist eine Art Brei, bestehend aus Milch, feinen Nudeln, einer Unmenge Zucker, Cashewkernen, Rosinen, einer Art Sago und Kardamom. Es gibt unendlich viele Rezepte und ich habe unendlich viele davon schon probiert. Als quasi-Spezialist konnte ich also die Güte unseres vorzüglichen Payasas durchaus schätzen :) Mmh schon allein der Gedanke daran lässt mir wieder das Wasser im Mund zusammenlaufen. Hahaha.
Später kamen noch Freunde vorbei, mit denen wir einen schönen Nachmittag verbrachten. Als sie sich auf den Heimweg gemacht hatten und es allmählich dunkel wurde, beteiligten wir uns ebenfalls am Feuerwerksspektakel, das bereits am Tag zuvor begonnen hatte. Ranju hatte von ihrem Chef ein paar Wunderkerzen, Fontänen und Feuerkreisel geschenkt bekommen. Zusammen mit den netten Typen aus dem Erdgeschoss zündeten wir diese. Alle wünschten sich "Happy Diwali" und Sweets wurden ausgetauscht. Anscheinend schmeckte ihnen unser Payasa auch, wie gesagt ich kann die Güte von Payasa mittlerweile schon sehr gut einschätzen (in schwelgender Erinnerung an die Payasa-Skala, die ich zusammen mit Jana aufgestellt hatte).
Den restlichen Abend verbrachten wir auf unserem Treppenabsatz, von wo aus wir sowohl das Feuerwerk in unserer Straße als auch die bunten Explosionen am schwarzen Nachthimmel bewundern konnten. Die Bangaloreaner fuhren zu Höchstleistungen auf. Es war keine einzige Sekunde still, der Geruch von Silvester zog durch die Straßen und der Himmel schien nicht genug für die unzähligen Sternenschauer.
Als die Kinder aus der Straße in ihren Betten verschwunden waren, legten die großen Jungs erst richtig los. Unsere neuen Freunde aus dem Erdgeschoss hatten Freunde eingeladen. Die Straße war schon bald erfüllt von ohrenbetäubendem Krachen und herzerschütternden Explosionen und dem ausgelassenen Lachen der Männer, die sich freuten wie kleine Jungs. Es war wirklich witzig, ihnen zuzusehen und sie fühlten sich anscheinend nur noch mehr angestachelt durch die drei Mädchen, die lachend an das Geländer des Treppenabsatzes gelehnt sehr leicht zufriedenzustellende Zuschauer waren.
Mit einem Gefühl, dass ich nur kannte wenn Heiligabend vorbei war. Einerseits große Zufriedenheit, aber auch Traurigkeit, dass es schon vorbei war. Aber genau wie Weihnachten nicht mit Heiligabend vorbei ist, war auch Deepavali noch nicht vorbei.
Am nächsten Tag hatte Ranju frei. Wir verbrachten einen schönen Tag zusammen, schwelgend in Erinnerungen an das Spektakel am Vortag. Am Nachmittag kam Divya dann von der Arbeit und überraschender Weise auch unser neuer Freund Rajesh aus dem Erdgeschoss. Er brachte die Payasa-Schüssel zurück und wir quetschten ihn aus. Wo er herkomme, was er so mache, wie ihm Deepavali gefiele und wer diese ganzen Freunde waren…
Ranju und ich hatten Deepas gekauft, kleine Tonschälchen, die mit Öl gefüllt und einem getränkten Docht angezündet werden konnten. Diese platzierten wir auf unserem Fensterbrett und so war Deepavali perfekt. Mit einer Menge neuer schöner Erinnerungen, ein wenig tauben Ohren und ein paar neuen Freunden war es nicht gerade das traditionelle Deepavali, aber es war unser ganz eigenes. 

Dienstag, 5. November 2013

18. oktober


Mich hat es erwischt. Ich bin krank und habe seit drei Tagen Fieber. Nichts, worüber sich indische Ärzte Sorgen machen. Ich nehme Tabletten, trinke und schlafe viel und pflege mich so gut ich kann. Macht Euch keine Sorgen. Mir geht´s nicht wirklich schlecht, abgesehen von der Schwäche, bin ich topfit. Jedenfalls im Geiste. Ich sehe alles um mich herum und habe das Gefühl die Welt dreht sich langsamer. Die Tage dauern Ewigkeiten, wie in Zeitlupe sehe ich die Menschen in unserer Straße ihren Geschäften nachgehen. Jeder hat etwas Besonderes an sich und fasziniert mich schon allein durch bloße Anwesenheit. Kleinste Details erregen meine Aufmerksamkeit und ich lasse meine Gedanken schweifen, weit hinaus über die Dächer unseres Blocks, über die Grenzen dieser riesigen Stadt.
Wenn ich nicht gerade schlafe und absurde Träume habe, beobachte ich Mister Alfredo wie er Reisstückchen aus unserem Müll fischt. Oder ich freue mich wie seine Kinder auf dem gegenüberliegenden Dach Fangen spielen. Mister Alfredo ist ein Streifenhörnchen. Aber ich habe auch menschliche Freunde ;)
Die Kinder in der Straße kennen mich schon und vom Sehen kenne ich sie auch alle. Manche grüßen mich sogar, wenn ich auf dem Weg zum nächsten Shop bin, um Bananen oder Tea Powder zu kaufen. "Bye Tanyakka" (akka heißt so viel wie große Schwester). Ihr Lieblingsspiel scheint es zu sein, wie irre mit dem einen Fahrrad, das sie haben, die Straße rauf und runter zu sausen, um dann aufgefordert zu werden ihre Fahrerlaubnis zu zeigen. Die imaginere Erlaubnis wird schnell rausgeholt und noch ein paar ebenso imaginere Geldscheine. Dann geht die Fahrt weiter nicht ohne das dazugehörige Motorengeheul. So läuft das also, gut zu wissen.
Es ist nie ruhig. Aber es ist wundervoll. Ich habe das Gefühl mittendrin zu sein. Die sich immer wiederholenden Lieder, die vom Kino gegenüber herübertönen, kann ich mittlerweile auch schon. Das vehemente Klingeln der Glöckchen, wenn im Nachbarhaus morgens und abends Pooja ist (Pooja ist das Gebet der Hindus), ist irgendwie beruhigend. Die Rufe des Muezzins zeigen mir, dass der Tag doch irgendwie voranschreitet. Die Gesprächsfetzen, die ich von der Straße aufschnappe, lassen mich meine wenigen Kannada-Kenntnisse nicht ganz vergessen. Der Verkehrslärm, der von der Hauptstraße herüberschallt erinnert mich daran, dass ich in der Großstadt bin. Das leise Klimpern der Fußkettchen, wenn eine Frau die Straße durchquert, klingt wie Musik für mich. Aber am schönsten ist es, die Kinder reden, spielen und lachen zu hören.

Bald gibt es etwas ueber meine Erlebnisse vom Diwali-Festival zu lesen, einem der groessten Festivals der Hindus... 

bis bald 

Montag, 14. Oktober 2013

Zurueck zu mir selbst


Es ist merkwürdig, wie sich Dinge verändern, wenn man sie in einer anderen Zeit, in einer anderen Verfassung seiner selbst sieht. Ich habe den ganzen Tag im botanischen Garten von Bangalore verbracht, eine der wenigen Sehenswürdigkeiten der Stadt.
Dieser Garten hat eine besondere Bedeutung für mich. Vor über einem Jahr war ich das erste Mal hier. An meinem allerersten Tag in Indien. Das war eines der ersten Dinge, die ich von dem Land zu sehen bekam. Ich erinnere mich daran, wie ich verwundert feststellen musste, dass dieser Park, gepflegt, ruhig und idyllisch, keinesfalls den wenigen Vorstellungen entsprach, die ich mir von Indien gemacht hatte. Nach der langen Reise und einer Ungewissheit über den Verlauf der Dinge, gab mir dieser Park ein wenig Luft zum Atmen, zum Durchatmen, bevor ich mich wieder ins bunte Getümmel des indischen Lebens warf und mich auf den langen Weg nach Kundapur machte.
Ich weiß noch, wie wir durch den Park liefen, ständig von indischen Familien fotografiert werden wollten und uns an der Vielfalt der Botanik erfreuten. Das erste Schöne, das ich in Indien sehe, dachte ich damals. Der Weg vom Flughafen zu unserem Guesthouse hatte diesen Titel wahrlich nicht verdient.
Heute also, mehr als ein Jahr später, wanderte ich wieder durch den Garten und war überrascht wie schön mir dieser Garten auch jetzt noch vorkam. Mit völlig anderen Augen betrachtete ich die bunten Blumen, die riesigen Bäume und die Streifenhörnchen, die an ihnen empor kletterten. Noch mehr als damals wusste ich die Sauberkeit und die Ruhe nun zu schätzen und war verzaubert von dem Glitzern des Sees und den breiten Alleen gesäumt von Bänken mit Pärchen, auf die durch dichtes Blätterdach vereinzelte Sonnenstrahlen fielen.
Die Menschen kamen mir weniger fremd vor als an jenem Tag, an dem ich in der Fremde ankam. Ihnen muss es genauso gegangen sein, denn niemand wollte ein Foto mit mir. Worüber ich ehrlich gesagt sehr froh, aber nicht überrascht war. Ich sah ihnen wahrscheinlich zu indisch aus, als dass ich es wert gewesen wäre ein Foto mit ihnen zu zieren. Hahaha, zum Glück.
Dennoch versuchte ein kleiner Junge verzweifelt, mir ein Trinkpäckchen für den fünffachen Preis zu verkaufen. Als er den Preis nannte, sah ich förmlich wie blöd er sich dabei vorkam. Ich scherzte mit ihm, verschmähte aber dennoch sein Trinkpäckchen. Der Arme tat mir Leid und ich hätte ihm das Ding sogar abgekauft, aber nicht für diesen Preis. Ich lachte nur und auch er musste grinsen.
Eigentlich war ich gekommen, um ein wenig zu zeichnen, meine Gedanken schweifen zu lassen und ein bisschen indisches Leben auf dem Papier festhalten zu können. Aber dazu kam ich nicht. Geschlagene 10 Minuten starrte ich mit dem Stift in der Hand auf mein Blatt, dann wieder in die Gegend, um schließlich einsehen zu müssen, dass es heute nichts mehr werden würde.
Stattdessen gab ich mich meiner Times of India hin, die aus mehr Werbung als aus wirklicher Information bestand. Die Seite über Globales bestand ebenfalls zur Hälfte aus Werbung, Neuigkeiten aus Syrien waren in einen fünfzeiligen Text an den Rand gequetscht. Ein wenig enttäuschend, aber nicht ärgerlich, da ich weniger als 10 cent dafür hatte bezahlen müssen. Vielleicht habe ich bei der nächsten Zeitung mehr Glück.
Ich verbrachte also den Tag lesend, Tagebuch schreibend und die Leute beobachtend. Meine Gedanken schweifen zu lassen, bekam ich auch ohne Zeichenblock auf die Reihe. Unter dem hoch über mir leise rauschenden Dach der Blätter, dachte ich viel nach und verfiel zuerst Hoch- dann Schwermut, um letztendlich beschwingten Schrittes und leichten Gemüts den Park zu verlassen.
Auf dem Rückweg ließ ich mich vor dem Post Office absetzen, dankte dem Rikshafahrer freundlich und fand es mehr als einfach, Briefmarken zu kaufen und sie mit dem braunen widerspenstigen, übelriechenden Kleber auf die Briefe zu batschen.
Auf dem Weg nach Hause, fühlte ich mich wirklich geborgen in dieser Stadt. Auch wenn es immernoch ein bisschen schwierig ist, die Straße zu überqueren ohne sich vor den aufheulenden Motoren und den wie irre rasenden Fahrzeuge zu fürchten. Aber allmählich lerne ich die Stadt besser kennen und habe kaum noch Schwierigkeiten, mich in ihr zurecht zu finden. Auch wenn es hier laut und dreckig ist, ich genieße den Duft der Großstadt, den Duft nach Freiheit. 

Zurueck im Land der Traeume


Das zu tun, was nicht von einem erwartet wird, ist schwierig. Vor allem, wenn man es gewöhnt ist, immer den Erwartungen entsprechend zu handeln. Vor allem, wenn es einem im ganzen Leben immer leicht gefallen ist, das zu tun. Ich bin jetzt in Indien und es geht mir gut. Es geht mir sogar ausgesprochen gut.
Schon als ich am Flughafen die schnurrbärtigen Inder und bunt in Saris gekleideten Inderinnen sah, fühlte ich mich wieder ein Stückchen zu Hause. Voller freudiger Erwartungen strömte plötzlich ein Gefühl durch meinen Bauch, wie ich es nur aus meiner Kindheit kannte. Das Gefühl, wenn ich auf einer Schaukel ins Unendliche zu fliegen schien und eben so schnell wieder dem Boden entgegensauste. Bei der Vorstellung wieder in Indien zu sein, traf mich dieses Gefühl vollkommen unerwartet. Doch so groß meine Vorfreude auch war, es war nicht einfach, die Menschen, die ich liebte in einer Verzweiflung und einer Ungläubigkeit zurückzulassen, wie ich es wahrscheinlich noch nie getan hatte. Es gab nie einen Grund, weshalb meine Familie nicht hätte stolz auf mich sein können. Ich war nie schlecht in der Schule oder hatte nie extreme Abstürze, hab mich nie schlecht benommen und war immer freundlich auch zu Leuten, die ich nicht leiden konnte. Ich wollte es immer allen Recht machen, niemandem Umstände bereiten. Ich wollte mich so verhalten, dass es anderen angenehm war.
Aber jetzt war es anderen keines Wegs angenehm, dass ich nach Indien zurückkehrte. Vor allem nicht für meine Eltern, die sich große Sorgen machten.
Aber ich hatte eine Entscheidung getroffen, die aus mir heraus kam. Es war das, was ich wollte. Es war das, was meiner Meinung nach das Richtige für mich war. Was nötig für mich war.
Und nun, nach meiner Ankunft hier, bin ich glücklich. Klar, ich mache mir immer noch Sorgen um die Menschen, die sich um mich sorgen, aber ich bin dennoch glücklich. Im wuselnden, lauten und bunten Indien, fühle ich mich seit Monaten das erste Mal wieder lebendig, inspiriert und neugierig. Ich fühle mich gut und das konnte ich in den letzten zwei Monaten wahrheitsgemäß nicht von mir behaupten.
Daher bereue ich es nicht, hier zu sein, entgegen aller guten und gut gemeinten Ratschläge.

Montag, 30. September 2013

"Oh man, das hört sich an, wie in einem Bollywoodfilm"

Sie schaute auf das weite Meer hinaus, die Wellen umspielten warm und angenehm ihre Füße. Ihr Atem ging gleichmäßig mit dem beruhigenden Rauschen. Nur hier, an diesem Ort, fand sie den Trost, nach dem sie sich sehnte. Nur hier konnte sie für sich sein und war doch nicht allein.
"Warum kommst du so spät? Was machst du eigentlich die ganze Zeit am Strand?! Was gibt es denn da für dich? Wasch dich und komm zum Essen!"
Schweigend aß sie und ließ sich danach erschöpft ins Bett fallen. Allein in ihrem Raum, in dem es unangenehm hallte, nachdem die Mutter das zweite Bett, nun unnötig geworden, weggeräumt hatte. Ein Gefühl von Einsamkeit machte sich in diesem Raum breit, der ihr nun fremder erschien denn jemals zuvor.
Seit dem Tag, an dem sie die Kontrolle verloren hatte, zog die Welt wie eine Art Film an ihr vorbei. Sie fühlte zwar ihren Körper, der automatisiert den Alltag bestritt. Doch ihre Gedanken waren ganz woanders. Der einzige Ort, an dem Körper und Geist wieder zu einem verschmolzen, war der Strand. Das war es, was es dort für sie gab.
"Hi! What´s your name? Where are you from? What are you doing here?" - "Hi!"
Sie hatte nicht sonderlich Lust, sich zu unterhalten. Dieser Ort war ihre Zuflucht. Auch hier nicht frei von den Fragen zu ihrer Herkunft und ihrer Beschäftigung zu sein, darauf wollte sie sich nicht einlassen. Dennoch antwortete sie dem Jungen, der sich aus einer Gruppe seiner Freunde herausgleöst hatte. Knapp, freundlich aber dennoch unmissverständlich waren ihre Antworten. Der Junge fragte nicht weiter, lief schweigend neben ihr her.
In den nächsten Tagen sah sie den Jungen am Strand, umringt von seinen Freunden. Sie fing an, über ihn nachzudenken, als er sie beim Namen nannte, was ihr nicht selbstverständlich vorkam. Was sie nicht erwartet hatte. So kam es, dass er sich zu ihr in den Sand setzte in einigem Abstand. Er ließ ein wenig Zeit verstreichen, bevor er began sie auszufragen. Auch wenn es nicht das war, was sie an diesem Ort suchte, war es doch eine willkommene Abwechslung und seit Langem fühlte sie sich wieder lebendig als er mit ihr sprach.
"Gibst du mir deine Nummer?" -"Nächstes Mal"
Es gab noch einige nächste Male. Sie dachte kaum an ihn, genoß es aber dennoch, wenn sie mit ihm zusammen war. Er empfand es scheinbar ebenso. Denn nachdem sie einige Tage nicht zum Strand gekommen war, brachte er seine größte Erleichterung darüber zum Ausdruck, dass sie wieder aufgetaucht war. Mittlerweile hatte sich eine Art Freundschaft zwischen ihnen entwickelt. Doch sie bemerkte erst, wie wichtig er ihr geworden war, nachdem er mehrere Wochen später, seine Liebe gestand. Sie wollte ihn nicht verlieren, wusste aber auch nicht, ob es Liebe war, was sie für ihn empfand. Sie bat um etwas Zeit.
Ohne Gedanken an Abschied oder Zukunft, gab sie schließlich dem immer wachsenden Gefühl in ihr nach. Mit ihm war sie wieder lebendig, konnte sie selbst sein, fühlte sich nicht mehr allein. In der darauf folgenenden Zeit waren sie beide so glücklich, wie nur frisch Verliebte es sein können.
Doch mit ihrer wachsenden Liebe, wuchs auch das Misstrauen, der Leute, die sie umgaben. Autoritäten, denen sie verpflichtet war, brachten ihr Missfallen über aufkommende Gerüchte deutlich zum Ausdruck. Sie wurde vorsichtiger, hatte das Gefühl, sich ständig verstecken und rechtfertigen zu müssen. Als der Druck von allen Seiten sie zu brechen drohte, passierte das, wovor sie sich so sehr gefürchtet hatte. Wieder verlor sie die Kontrolle. Erwacht aus ihrer Ohnmacht, strömte das Bewusstsein über ihre Lage mit voller Wucht auf sie ein. Abhängig von Autoritäten einerseits, abhängig von ihrer Liebe andererseits, sah sie sich vor einem scheinbar unlösbaren Konflikt. Fieber, Schweiß und Tränen bemächtigten sich ihres Körpers, Verzweiflung ihrer Gedanken. Unfähig, sich zu bewegen, lag sie in ihrem Bett, fühlte sich dem Leben ausgeliefert und so allein wie nie zuvor.
"Siehst du, ich habe es doch immer gesagt. Warum treibst du dich auch draußen rum? Du bist so ein hübsches Mädchen und nun hat es dich erwischt, der Teufel hat sich deiner bemächtigt. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen."
Hatte sie zuvor im Paradies geschwebt, war sie nun auf den harten Boden der Realität zurückgeholt worden. Und statt ihre labile Lage zu bemerken, nahmen sie die Autoritäten erneut ins Kreuzfeuer . "Gibt es wirklich nichts, was du mir sagen möchtest?!"
Ihre größte Angst war, den Jungen zu verlieren, den sie liebte. Nun war sogar die Angst vergessen, der sie zuvor erlegen war. Doch sie verlor sich nicht in dieser Angst, sie wusste, was sie wollte und war bereit, dafür zu kämpfen. Also entschloss sie sich dazu, sich mitzuteilen und zwar dem Menschen, dessen Willkür sie am meisten fürchtete. Auch wenn sie seinen Respekt für immer verlor, gewann sie diesen Kampf letztendlich doch.
Ihre Familie fand sie in einer Welt, die sich in Vielem von der ihren unterschied. Sie fanden sie als einen Teil dieser Welt, wenn auch nicht vollkommen. Und sie fanden den Jungen an ihrer Seite. Die gemeinsam verbrachten Tage waren die glücklichsten ihres Lebens. Sie war mit der Welt im Einklang. Später sollte sie sich noch oft an diese goldenen Tage des Glücks erinnern. Denn danach überkam sowohl den Jungen als auch sie eine große Traurigkeit. Der Abschied von der Familie machte ihnen zum ersten Mal bewusst, dass nichts von Dauer ist in diesem Leben. Ihre Zeit war bemessen. Was sich anfühlte wie für immer, sollte es wirklich schon so bald vorbei sein?
Sie suchten nach Möglichkeiten, zu umgehen, was so unumgänglich schien. Und tatsächlich fanden sie grüne Halme der Hoffnung, an die sie sich zu klammern suchten. Halme, die sie die Zeit genießen ließen, die ihnen zusammen in dieser Welt geblieben war. Es war eine Zeit, in der sie jeden Tag lebten, als wäre es ihr letzter. Eine Zeit, die sie einander so nah brachte, dass sie glaubte, ihn schon ewig zu kennen. Eine Zeit voller Lachen und selbst als der Regen kam voller Sonnenschein.
Doch der Tag kam, an dem sie verließ, was sie zu lieben begonnen hatte. Es fühlte sich nicht richtig an, den Jungen zurück und seinem Leid zu überlassen. Sein Schmerz war der ihre. Seine Tränen mischten sich mit denen auf ihren Wangen. Das Letzte war eine zitternde Hand zum Gruß erhoben, bevor sich der Blick zum Boden wandte auf die Schritte, die sie forttrugen in ein anderes Leben.
Dieses Leben schien unbegreiflich für sie. Wie ein Traum, an den man sich kaum noch erinnern kann. Ständig ihren Fingern entrinnend, je mehr sie versuchte es zu greifen. Statt zu leben, hing sie ihrer Sehnsucht nach, konnte sein Gesicht, seine Berührung, seine Stimme nicht vergessen. War gefangen zwischen zwei Welten. Lebte weder hier noch dort.

Bis zu dem Tag, an dem sie zurückkehrte in eine Welt mit ihm...


http://www.youtube.com/watch?v=GcwRnyUbseM


Mittwoch, 27. Februar 2013

Lebenszeichen

Lang lang ist´s her, dass ich mich gemeldet hab. Ich habe schon viele besorgte Mails bekommen, wo ich denn stecken und wie es mir gehen würde.
Deshalb jetzt hier ein Lebenszeichen von mir!

Ich kann gar nicht alles beschreiben, was so in den letzten Wochen alles passiert ist. Einfach Leben ist passiert denke ich.
Ich kann Euch ja einfach mal einen typischen indischen Tag von mir beschreiben.
7.35 Uhr: Meine Aunty unterhält sich in voller Lautstärke mit ihrer Schwester, die im Nachbarhaus wohnt. Und das direkt vor meinem geöffneten Fenster. Grummelnd drehe ich mich um und versuche noch ein bisschen zu schlafen.

8.00 Uhr: Krachend öffnet sich meine Zimmertür. "Taanjaaa... come!" Jetzt bin ich endgültig wach. Ich schlurfe aus meinem Zimmer und setze mich an den Frühstückstisch. Verschlafen grinse ich Aunty und Deryl an: "Good morning!"

8.15 Uhr: Nachdem ich mein Geschirr gewaschen hab, stehe ich in meinem Zimmer und denke gleichzeitig darüber nach, was ich heute anziehen und was ich mit den Kindern in der Schule machen soll. Beides schwierige Entscheidungen.

8.40 Uhr: Frisch geduscht und mit einem groben Plan für die Schule im Kopf, hole ich die Zeitung aus dem Briefkasten. "Was mache ich denn jetzt noch so lange bis 9.30 Uhr?!" Ich könnte Tagebuch schreiben oder noch ein bisschen lesen. Oder ich lege mich einfach noch für ne halbe Stunde hin ;)

9.10 Uhr: Oh mist, jetzt aber schnell, Zähneputzen, Schminken, Haare machen, Tasche packen.

9.30 Uhr: Ich stürze aus dem Haus, halben Weg zum Tor fällt mir auf, dass ich den Schlüssel vergessen hab, also nochmal zurück. Freundlch bekannte Gesichter begrüßen mich auf dem Weg zur Bushaltstelle, wo ich auf die Lehrer warten soll.

9.37 Uhr: Mist der Bus ist schon weg. Also laufe ich ganz schnell, um die Lehrer noch einzuholen.

9.45 Uhr: "Hi... Good morning... sorry!" stoße ich etwas außer Atem hevor. Wissendes Lächeln breitet sich auf den Gesichtern der Lehrer aus. "What was the breakfast today?" Während mich diese Frage anfangs noch irritierte, sage ich jetzt gelassen "Avalaki, matte niwu?" (Avalaki und bei Ihnen?)

9.55 Uhr: Prayer in der Schule. alle Schüler sind in Reih und Glied aufgestellt. Zuerst singen Mädchen aus der 7. und 6. Klasse aus vollem Hals die Hymne von Karnataka, danach wird ein Gebet gesprochen, etwas aus der Zeitung vorgelesen und ein Quiz gemacht. Zum Abschluss wird eine Art Schulbekenntnis gesprochen (soweit wie ich das verstehen kann, so von wegen, "ich werde fleißig sein und Lernbereitschaft zeigen... und so)

10.05 Uhr: Erstmal Zeitung lesen im Lehrerzimmer.

10.40 Uhr: Die Klingel ertönt. Zeit für mich, die vierte Klasse zu übernehmen. "madam" hier "madam" da und natürlich "please, madam, pleeeease!"

12.35 Uhr: Die Klingel ertönt zur Mittagspause. Ich korrigiere noch Aufgaben von Schülern, während mir einer der Schüler einen Teller mit Reis und Gemüse bringt. Wenn alle Lehrer da sind, essen wir gemeinsam

13.15 Uhr: Ich sitze im Lehrerzimmer, warte auf das Ende der Pause und versuche zu verstehen, worüber sich die Lehrer unterhalten. Das klappt mittlerweile ganz gut, immerhin weiß ich immer grob worum es geht.

13.30 Uhr: Und weiter geht´s  mit dem Unterricht. Diesmal die 5. Klasse

15.35 Uhr: Das erlösende Klingeln für alle Schüler. Jetzt fängt die Spielstunde an, in der sich die Schüler draußen frei bewegen und Fuß-, Volley-, Federball oder das Cashewnut-game spielen. Meistens spiele ich mit Sachin aus der 7. Klasse Volleyball.

16.00 Uhr: Die Klingel ertönt und die Kinder reihen sich wieder auf zum Prayer, bei dem die indische Nationalhymne gesungen wird. Danach strömen alle Kinder fröhlich schnatternd nach Hause. "Bye teacher, bye madam!"

16.20 Uhr: Ich komme erschöpft zu Hause an und Aunty erzählt mir fröhlich schnatternd von ihrem Tag. Dann gibt sie mir die Reste vom Frühstück zu essen.

17.30 Uhr: Ich mache mich auf zum Strand, ein Buch und Musik in der Tasche. Auf dem Weg treffe ich viele bekannte Gesichter. Na Hallo wie geht´s denn so. Ach gehste wieder zum Strand, na dann wir sehen uns ...

19.45 Uhr: Ich komme zu Hause an. Es ist schon dunkel. Ich suche ewig nach dem Schlüssel für´s Tor, gebe es aber irgendwann auf und klettere über die Mauer. Leise öffne ich die Tür und schleiche in mein Zimmer. Ich will Aunty und Deryl nicht bei ihrem Gebet stören.

20.15 Uhr: Es gibt Essen. Reis und Fishcurry mit Gemüse. Aunty redet mit Deryl. Für mich ist es schwer etwas zu verstehen, da Konkani eine komplett andere Sprache ist. Manchmal übersetzt Aunty dann für mich.

20.30 Uhr: Die tägliche Serie startet. Aunty und Deryl sitzen gebannt vor dem Fernseher. In den Werbepausen singen Deryl und ich gemeinsam die Jingles mit. Ich sitze in meinem Zimmer und schreibe Tagebuch, lese oder telefoniere...

22.00 Uhr: "Taaanjaa, put off the light!" Schnell noch Zähne putzen. Und dann checke ich noch kurz meine Mails und telefoniere lange. Was soll man auch anderes machen ohne Licht?!

Also jetzt wisst ihr wie´s hier so zugeht. Ich lebe noch, mir geht es sehr gut und ich genieße das indische Leben hier.

Bye und Tata
Eure Tani

Dienstag, 26. Februar 2013

das Stadtkind in geliebten Gefilden

Eine Woche Mumbai war genauso faszinierend wie aufregend.
Voller Erwartungen bestiegen Jana und ich den Zug und fuhren den Sonnenuntergang beobachtend Richtung Stadt, das ländliche und uns vertraute Indien verlassend, auf in ein großes Abenteuer. Nach einer kurzen Nacht im Zug kamen wir morgens in Mumbai an. Vom Bahnhof aus mussten wir jetzt nur noch den Weg zur Wohnung des Freundes von Janas Eltern finden, der seit 10 Jahren in Mumbai lebt und seit einigen Jahren mit einer Inderin verheiratet ist. Nachdem uns der Taxifahrer abgezogen und uns dann auch noch am falschen Ort rausgelassen hatte, kamen wir dann doch irgendwie ans Ziel und wurden herzlich von Christopher und Sushmita empfangen. Zuersteinmal luden sie uns zum Bagel-Frühstücken ein. Mmh lecker, aber so gar nicht indisch.

So ich werde nun versuchen Euch nahe zu bringen, wie ich Mumbai wahrgenommen habe. Es ist eher ein Gefühl, das ich zu beschreiben versuche, als Erlebtes. Das erste, das mir einfällt ist, dass Mumbai endlich mal wieder Stadt war. Mir war nicht klar, dass ich das Stadtleben so vermissen würde. Aber als ich laute Straßen, viele verschiedene Menschen und Geschäfte und Shops in allen Farben und Größen um mich hatte, fühlte ich mich wohl. Dass nach 10 die Stadt erst so richtig aufblühte und nicht wie zu Hause alles schon lange schlief, war mir als Nachteule natürlich besonders willkommen. Auch dass uns auf der Straße nicht alle, sondern nur einige Blicke folgten, war erfrischend. Eine Freiheit, die ich bisher nur in der Stadt habe genießen könnten, fühlte ich auch in dieser Stadt. Ich fühlte mich als wäre alles möglich. Ich fühlte mich inspiriert. Nicht zuletzt auch durch einen Theaterbesuch, der mich so sehr an zu Hause erinnerte, dass es schon beinahe surreal wirkte. Ganz Mumbai wirkte surreal. Ein kleines Stück zu Hause im großen unbekannten Indien.
Das Gefühl, dort zu Hause zu sein, habe ich aber auch ohne Zweifel Christopher und Sushmita zu verdanken, die uns sehr freundlich und freundschaftlich aufgenommen, uns hilfreiche Tipps gegeben und uns zu einigen Veranstaltungen mitgenommen haben. Schon alleine, dass wir die ganze Zeit Deutsch sprachen, war etwas in Indien Ungewohntes für uns.
Auch das Essen war nicht typisch indisch. Wie schon erwähnt die Bagels, dann Cornflakes und Früchte zum Frühstück, leckeren italienischen Brunch von vormittags bis nachmittags und als Höhepunkt das all-you-can-eat-Sushi- und Chinesisch-Buffett. In Christophers und Sushmitas Gesellschaft fühlten wir uns wie in einer europäischen Blase, die wir wieder zerplatzen ließen als Jana und ich alleine unterwegs waren. Mit indischer Gelassenheit schlenderten wir durch Straßen, die zweifellos an portugiesische oder Spanische Straßen erinnerten. Wir schauten Sehenswürdigkeiten wie das Gateway of India oder die University of Mumbai an und reihten uns in die langen Chai-Schlangen vor den Businessgebäuden ein. An Straßenständen tranken wir aber nicht nur etliche Male am Tag Chai sondern probierten uns durch alle möglichen Köstlichkeiten durch. Jana ist der Meister im Handeln und verdrehte jedem Shopbesitzer den Verstand mit ihrer Hartnäckigkeit. Aber am Ende waren sie doch immer sehr zufrieden und hatten ihren Spaß am Handeln, genauso wie wir :) Deshalb waren unsere Rucksäcke auch deutlich schwerer auf dem Rückweg.
Mit unseren Kannada-Kenntnissen kamen wir leider nicht sehr weit. Wenn wir dann aber doch mal ein freundliches Gesicht aus Karnataka trafen, gab es großes Hallo auf beiden Seiten. In Mumbai fiel mir die Vielfalt der Inder extrem auf. Man musste sich nur für einige Minuten auf den Bahnhof stellen und beobachten wie Massen von Menschen aus dem Zug strömten, dann war einem klar wie viele verschiedene Menschen es nich nur in Indien, sondern auf der ganzen Welt geben musste. Das Zugfahren war auch eine Sache für sich. Wenn wir dann mal ein Frauenabteil gefunden hatten, in dem ein buntes Treiben von Businessfrauen bis hin zu traditionell Sari tragenenden Frauen herrschte und wo Schmuckverkäufer ihre Waren anpriesen, hatten wir viel zu sehen. Sowohl innerhalb als auch außerhalb des Zuges. Die Stadt zog an uns vorbei, Slums schmiegten sich an beiden Seiten der Gleise, ihre Bewohner nur einige handbreit von uns entfernt. Alltägliches Leben spielte sich dort ab und ich empfand es als das Normalste der Welt. Eine Zugfahrt in den Süden der Stadt dauerte eine dreiviertel Stunde von Bandra aus, das zentral gelegen einer der "beliebteren" Stadtteile zu sein scheint. Mumbai ist wirklich riesig und von einem Ort zum anderen zu kommen, stellte sich manchmal als schwierig und sehr anstrengend heraus. Wenn Jana und ich dann nur noch durch die Straßen schlurften, musste ein Chai her, der uns wieder aufputschte. Dann waren wir wieder voller Energie und stürzten uns erneut euphorisch ins Stadtleben der 16-Millionen Stadt.

In Mumbai hatte ich eine wunderschöne Zeit mit Jana, an die ich mich gerne zurück erinnern werde. Und auch zurückkehren möchte ich in die Stadt, die mich fasziniert wie kaum eine andere.